Zurück zur Startseite

Darum müssen wir das Ehrenamt retten

Marthe-Victoria Lorenz | 14. Januar 2019

Wenn ich an meine ehrenamtliche Zeit denke, dann denke ich an Spaß. Sonst hätte ich es wohl auch nicht gemacht. Nichts hat mir damals so viel Spaß gemacht, wie für den Verein zu arbeiten. Kostenlos. Knapp 40 Stunden im Monat. Mit Mitstreitern, Gleichgesinnten, die auch kostenlos arbeiteten. Eben nicht wegen des Geldes, sondern weil es uns Spaß machte.

Aufgeben musste ich es am Ende aus dem Grund, aus dem Viele das Ehrenamt aufgeben: des Berufs wegen. Wer viel arbeitet, dem fehlt eben auch die Zeit. Und wieso arbeiten wir viel, vielleicht sogar zu viel? Weil wir ohne Geld um unsere Existenz fürchten. Oder weil wir denken, dass es nach zwei Jahren eben doch das neue iPhone 7 für unfassbare 1000€ braucht, obwohl wir noch ein funktionierendes Handy besitzen.

Da viele Menschen in unserer Leistungsgesellschaft eben viel arbeiten und wenig Zeit haben für das Ehrenamt, dachte ich lange Zeit, dass die Professionalisierung von Vereinen eine Notwendigkeit ist. Und Professionalisierung ging aus meiner Sicht immer mit bezahlten Arbeitskräften einher. Denn wer soll sonst um 13 Uhr mittags die Schul-AG betreuen, oder um 15 Uhr die F-Jugend trainieren? Wer soll den ganzen Bürokratie-Aufwand bewältigen, den Gemeinnützigkeit und neue Themen wie Mindeslohn mit sich bringen?  Bezahlte Trainer, bezahlte Vereinsmanager sollen es richten, den dramatischen Rückgang des Ehrenamtes ausgleichen und damit die Vereinslandschaft retten vor dem drohenden Wettbewerb aus Fitness-Studios, Fitness-Apps und der Fußball-Dominanz.

Doch heute habe ich Raphael Fellmer auf facebook wiederentdeckt. Er lebte mehr als 5 Jahre ohne Geld. Statt mit dem  Zug zu fahren trampt er, statt im Hotel zu übernachten nutzt er Couchsurfing, statt Miete zu bezahlen hilft er in einer kirchlichen Einrichtung als Hausmeister und darf mietfrei wohnen, statt Essen einzukaufen bekommt er von Supermärkten und Bäckereien abends essen, dass sonst einfach weggeschmissen worden wäre. Sein statt haben, teilen statt besitzen. Frei sein.

 

 

Denn: Wer Geld braucht, muss Geld verdienen und begibt sich damit in eine Abhängigkeit, ist nicht frei. Wer für Personal mehr Geld ausgibt, der erhöht seine Fixkosten und muss damit gleichzeitig auch kontinuierlich mehr Geld verdienen. Und Geld verdient wird im Normalfall nicht mit Behinderten-, Frauen-, Jugend- und Nischensport.

Um seine Passion nach außen zu tragen, gründet Raphael Fellmer Online-Plattformen, bei der Menschen teilen, was sie selbst zu viel haben. Auf foodsharing.de kann jeder kostenlos Essenskörbe einstellen, zum Beispiel wenn vor dem Urlaub der Kühlschrank noch leer ist. Wer Essen braucht kann sich dies einfach abholen. Design, Technik, Umsetzung erfolgte von Menschen, die er inspirierte, die ihm helfen wollten. Kostenlos. Er schafft das, was nun vielen Vereinen verloren geht: eine Bewegung, der Menschen folgen. Menschen, die ihm folgen, weil er sie inspiriert, weil er selbst lebt was er predigt, weil er wie er selbst sagt, die Veränderung lebt, die er selbst sein möchte.

Heißt also, wenn immer weniger Menschen ehrenamtlich arbeiten, die Millionen-Bewegung „Sport“ ihre Inspiration verloren hat? Nach den Skandalen beim DFB, FIFA, dem Doping-gebeuteltem Leichtathletik-Verband sowie den Diskussionen im Tennis, wer denn jetzt wie viel Preisgeld ausgeschüttet bekommen soll, wäre das wohl mehr als verständlich. Der Sport wird immer mehr zu Angebot und Nachfrage und verliert damit seine Kraft, Menschen zu inspirieren. Weil er immer mehr zum Geschäft wird und immer weniger zur Bewegung ist. Weil der eigene Nutzen dem gesellschaftlichen Nutzen übersteigt. Weil er sich nicht mehr so sehr vom kapitalistischen und „professionellen“ Wirtschafts-System unterscheidet.

Und, wer rettet jetzt den Sport? Einer unserer Projektstarter hat es einmal sehr gut zusammengefasst. Als seine Mannschaft ins Trainingslager wollte war klar, dass für Benzin und Unterkunft Kosten anfallen. „Das macht doch der Verein oder?“ haben seine Spielerinnen gesagt. Er antwortete: „Der Verein, das seid ihr.“

Alfons Hörmann hat verlangt dass im Verein mehr Controlling stattfinden müsste. Der Sport bräuchte endlich wieder ehrliche Menschen. Eigentlich ein Schlag ins Gesicht für jeden ehrenamtlichen Menschen. Denn der Sport hat längst ehrliche Menschen: uns. Nicht der Verein, nicht der DOSB, nicht die Landesverbände, nicht die Wirtschaft. WIR, die über 8 Millionen Ehrenamtlichen, sind die Seele des Sports.

WIR können den Sport retten. Wir müssen vorleben, was es heißt, gemeinschaftlich zu leben, mitzuhelfen, auch wenn es einem selbst gerade nichts bringt, zusammenzuhalten auch in schweren Zeiten, Dinge zu tun, auch wenn man dafür keine Gegenleistung erhält. WIR müssen inspirieren, so wie es Raphale Fellmer tut. WIR müssen diejenigen sein, denen gefolgt wird. WIR müssen als Erwachsene wissen, welches Vorbild wir für unsere Kinder sein möchten.

Verliert der Sport in Deutschland uns, seine ehrenamtlichen Helfer, dann verliert er auch das, was ihn ausmacht: seine Seele.

Autor: Marthe-Victoria Lorenz

Marthe ist Gründerin von fairplaid.org und kämpft für mehr Förderung des Breitensports. Sie ist leidenschaftliche Basketballerin und engagiert sich ehrenamtlich in der Basketball-Abteilung von Türkiyemspor Berlin 1978 e.V. als Vorstandsmitglied sowie als Trainerin einer U12-Mädchenmannschaft.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.