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Liebe Eltern und Vereinsmitglieder: Deshalb reichen 8€ Mitgliedsbeitrag NICHT, um einen Verein zu finanzieren

Marthe-Victoria Lorenz | 16. Oktober 2014

Beim Crowdfunding geht es vor allem darum, dass eigene Netzwerk als Unterstützer zu gewinnen. Beim Verein sind das die Eltern und die eigenen Vereinsmitglieder. Die Herausforderung: “Wir zahlen doch schon Mitgliedsbeitrag, wieso sollen wir jetzt noch einmal extra Geld hinlegen?” Ein Satz, den wohl jeder Ehrenamtlicher schon einmal gehört hat. Zu hören auch bei folgenden Situationen: Wieso soll ich jetzt noch mein Kind zum Spiel fahren, Kuchen backen, beim Vereinsfest helfen, in der Abteilung mithelfen, mich als Trainer oder Schiedsrichter engagieren?

Die bittere Wahrheit: Grundsätzlich gibt es eine Minderheit im Verein. Diese engagiert sich ehrenamtlich, hilft mit, gibt Zeit oder/und Geld. Und dann gibt es noch die anderen, die Mehrheit, die trainieren und spielen. Das Ganze in Zahlen: 8,75 Millionen Ehrenamtliche und Helfer geben, 28,7 Millionen Vereinsmitglieder nehmen.

Deshalb möchten wir ein wenig Aufklärungsarbeit leisten. Liebe Eltern, Spieler, liebe Gesellschaft: Deshalb reichen 8€ Mitgliedsbeitrag im Monat nicht aus, um einen Verein, eine Mannschaft zu finanzieren.

Aller Anfang ist hierbei die Gemeinnützigkeit. Laut Gemeinnützigkeit soll der Mitgliedsbeitrag im Verein “sozial verträglich” sein. Jeder soll es sich leisten können, Sport im Verein zu treiben, auch wer am Existenzminimum lebt und es sich eigentlich nicht leisten kann.

Als ich den damaligen Vorstand des Stuttgarter Eishockey-Clubs für meine Bachelorarbeit zum Thema Crowdfunding interviewte antwortete er mir zur Notwendigkeit alternativer Finanzierungsmittel, dass diese deshalb relevant seien, “weil diese die Diskrepanz aus den Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen und den Kosten des Nachwuchses decken.” Wäre der Mitgliedsbeitrag nicht sozial verträglich gestaltet, müsste sich dieser auf 60€, eher mehr, belaufen – im Monat. Andere Finanzierungssäulen wie Sponsoring, Staatliche Zuschüsse, Ticketeinnahmen oder eben Crowdfunding müssen die entstehende Differenz ausgleichen. Fällt der Verein bei Sponsoren durchs Raster und kürzt die Kommune die Zuschüsse bleibt als Finanzierungsmittel fast keine andere Möglichkeit als eben das Geld von Mitgliedern, Freunden, Familien, Fans und Unterstützern einzusammeln.
Auch ich erhielt während meiner Abteilungsleiter-Zeit immer wieder obige Aussage, insbesondere eine E-Mail einer Mutter hatte mich getroffen. In dieser hatte sie sich über unsere Trainer beschwert (zu Recht) und dann noch folgenden Satz hintergeschoben: “Und Trikots sollten eigentlich in einem Verein wie dem MTV, wo alle Mitglieder Mitglieds-Beiträge plus Extra-Beiträge für die diversen Abteilungen bezahlen, eine Selbstverständlichkeit sein.” Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ihre Mitarbeit bei unserer Crowdfunding-Aktion für neue Trikots sich auf das Nötigste belief.
Um für derartige Kommentare gewappnet zu sein, habe ich euch hier meine Antwort hineinkopiert, gerne zum Übernehmen.

Auf das Thema Beiträge und Extra-Beiträge (die im Übrigen für die Basketball Abteilung nicht anfallen) möchte ich gerne anhand von Zahlen eingehen.

8€ Mitgliedsbeitrag im Monat reichen gerade mal, um einen C-Lizenz Trainer für diesen Monat zu bezahlen (Hinweis: C-Lizenz ist fast der niedrigste Trainerschein) und zwar auch nur, wenn bei 2 Trainingseinheiten in der Woche die Mannschaft mindestens 16 Spieler umfasst. Damit erhält ein Trainer 16€ pro Trainingseinheit OHNE Spieltage. Dies bedeutet, dass die Jungs an Wochenenden und zusätzlich für die ganze Organisation drumherum nicht bezahlt werden und diese Aufgaben in ihrer Freizeit übernehmen.

Von 8€ Mitgliedsbeitrag sind dann noch nicht bezahlt:

  • Trikots (die v.a. in der Jugend auf ominöse Weise immer wieder verschwinden)
  • Bälle (die v.a. in der Jugend in fremden Hallen auf ominöse Weise immer wieder verschwinden und deswegen regelmäßig neu gekauft werden müssen)
  • Miete für Busse (leider sind immer weniger Eltern bereit, ihre Kinder zu Auswärtsspielen zu fahren)
  • Miete Trainings- und Spielhallen
  • mobile Spielanzeigen (2 Stück á 800€ pro Anzeige)
  • Spielberichtsbögen, Vierfarbige Stifte
  • Strafen
  • Spielverlegungsgebühren ( 35€ pro Spielverlegung, normalerweise bis zu 20 Spielverlegungen in der Saison = 700 €)
  • Spielermeldegebühren (8€ pro Jugendspieler bei über 120 jugendl. Mitgliedern = 960€, 14€ bei Seniorenspielern), zzgl. Verbandsumlagen, Schiedsrichterumlagen, Mannschaftsgebühren (ca. 1.000€)
  • neue Linien in der Halle oder neue Bälle, weil der Verband auf die Idee kommt, die Dreierlinie weiter nach hinten zu legen oder Damenbälle kleiner zu machen
  • Rücklagen, die wir bilden, um zukünftig ein JBBL oder NBBL-Team tragen zu können (eine Saison kostet hier i.d.R. bis zu 30.000€)
  • theoretisch anfallende Personalkosten, die durch das Ehrenamt gedeckt werden (der 10-köpfigeVorstand arbeitet im Monat bis zu 20h ehrenamtlich in seiner Freizeit, über Mithilfe von Elternseite freuen wir uns immer :))

Auch wenn wir diesen Zustand gerne hätten, mit ehrenamtlicher Arbeit können wir für den Preis keine Fullservice Kinderbetreuung anbieten, ohne dass alle mitanpacken, Eltern wie die Spieler selbst, der Vorstand, der Verein, die Kommune. Wir arbeiten ausnahmslos alle im Vollzeitjob, der MTV passiert nachts und am Wochenende.

Aufgrund unseres schnellen Wachstums freue ich mich deshalb umso mehr, wenn Eltern wie Sie den Trainern Organisationsarbeit abnehmen, weil sie Autos und Fahrer für Auswärtsfahrten zur Verfügung stellen, einen Kuchen backen für unseren Verkauf bei den Heimspielen oder ihre Kinder dazu motivieren, sich als Trainer oder Schiedsrichter zu engagieren. Wir würden uns freuen, wenn Sie auch andere Eltern dazu motivieren könnten, sich hier zu engagieren und uns bei unserer Arbeit zu unterstützen.

Mit besagter Mutter hatte ich daraufhin ein sehr konstruktives Gespräch, ihr war einfach nicht bewusst, was eigentlich für Kosten bei einem Verein alles anfallen und was für eine Arbeit wir als ehrenamtlicher Vorstand leisten und zwar für Kinder, die nicht unsere eigenen sind.

Was für Vorurteile habt ihr während eurer Zeit als Trainer/Abteilungsleiter oder Helfer im Verein schon gehört?

Autor: Marthe-Victoria Lorenz

Marthe ist Gründerin von fairplaid.org und kämpft für mehr Förderung des Breitensports. Sie ist leidenschaftliche Basketballerin und engagiert sich ehrenamtlich in der Basketball-Abteilung von Türkiyemspor Berlin 1978 e.V. als Vorstandsmitglied sowie als Trainerin einer U12-Mädchenmannschaft.


1 Kommentar

  1. Hallo MARTHE-VICTORIA LORENZ, ich habe deinen Artikel mit Begeisterung und auch schmunzeln gelesen, er hat mir sehr gefallen. Du hast recht. Halte durch. Ich werde nach 18 Jahren Vorstand im Dezember die Arbeit als Ehrenamtlicher aufgeben und die Arbeit den Eltern der spielenden Kinder übergeben.

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