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Deswegen wollen junge Leute nicht kostenlos in Vereinen arbeiten (in Startups aber schon)

Marthe-Victoria Lorenz | 29. Oktober 2015

Grundsätzlich gibt es eine Minderheit im Verein. Diese engagiert sich ehrenamtlich, hilft mit, gibt Zeit oder/und Geld. Und dann gibt es noch die anderen, die Mehrheit, die trainieren und spielen. Das Ganze in Zahlen: 8,75 Millionen Ehrenamtliche und Helfer geben, 27,6 Millionen Vereinsmitglieder nehmen.

Keine Ehrenamtlichen, keine Vereine, keine Jugendarbeit. Das Problem: Das Ehrenamt bietet häufige keine wirtschaftliche Perspektive, im Gegenteil. Wer auf dem Platz steht und eine Kindermannschaft trainiert kann in der gleichen Zeit eben nicht etwas tun, mit dem er oder sie Geld verdienen würde oder was der Karriere gut tut. Hinzu kommt, dass die Wertschätzung der Arbeit in der Gesellschaft gleich Null ist. Wer sich am Wochenende kostenlos auf den Platz stellt, darf sich meist noch das Gejammere von Eltern und Vorständen anhören, wieso das und jenes nicht passiert ist oder nicht gemacht wurde.

Auch bei mir ist das Ehrenamt meiner beruflichen Perspektive zum Opfer gefallen. Und das, obwohl mir die Arbeit in meiner Basketball-Abteilung so viel Spaß gemacht hat. Am Ende war es die Zeit, die ich nicht mehr aufbringen konnte und die Unflexibilität, immer vor Ort sein zu müssen. Und ja, auch häufig der „Depp vom Dienst“ zu sein, hat zu meiner Entscheidung beigetragen.

Das Kuriose: Mit der Gründung meines Startups benötigten wir dringend Unterstützung, ohne Team wäre fairplaid heute nicht dort wo es ist. Nach einigen Ausschreibung gingen bei uns eine Bewerbung nach der anderen ein. Vom Mindestlohn mal abgesehen: Viele Studenten waren und sind bereit kostenlos für mein Startup zu arbeiten. Vollzeit. 40h die Woche. Trotz best bezahlter Konkurrenz-Angebote von Daimler, Porsche, Bosch, IBM und Konsorten in unserem direkten Umfeld. (Hinweis: Wir zahlen jedem Praktikanten ein Gehalt.)

Aus meiner Sicht nur, weil wir ihnen ebene Perspektive bieten. Denn jeder weiß: Kostenlos ist nicht gleich umsonst. Wir bieten jungen Menschen Chancen und Möglichkeiten, die sie bei Großkonzernen nicht haben, die ihnen nicht mehr so viel wert sind.  Woran liegt es also, dass Startups  großen Zulauf haben, während  Vereine um jeden Nachwuchs kämpfen müssen? Hier ein paar Punkte, die mir aufgefallen sind:

Arbeiten im Startup ist „cool“

Im Großkonzern zu arbeiten, eingeengt durch mächtige Prozesse, lange Entscheidungswege und große Hierarchien ist uncool geworden. Lieber wenig verdienen im kleinen Startup mit flachen Hierarchien und dafür seine Ideen umsetzen dürfen und können. Nur deshalb erreichen uns viele Bewerbungen von Studenten und jungen Leuten. Es ist „hip“.

Bilder aus den Büros von Google, facebook, AirBnB und anderen bekannten „Startups“ mit Tischkickern und Hängematten, Menschen die fröhlich in der Pause Volleyball spielen helfen dabei zusätzlich. Auch wenn dies in der Realität meist anders aussieht: Startups haben es geschafft in der Außenwelt eine Arbeitswelt zu erschaffen, von der viele träumen und die viele Menschen anzieht. Ein gutes Beispiel habe ich bei den Sportökonomen aus Bayreuth erst vor einer Woche gesehen. Ein Trailer, der danach aussieht, als ob die Studenten viel Spaß hätten und alles andere tun würden, als das wofür sie eigentlich da sind: studieren. Die Bilder implizieren also: Studieren = Spaß.

Alle Jahre wieder diese Ersties 😀 Welcome #SpökosServus liebe #Ersties hier nun auch mit #Sound 😉

zeigt euren Freunden was es heißt ein #Spöko zu sein
#nurgemeinsamsindwirspöko
Viel Spaß bei der Erstiewoche 😀

Posted by Sorry, I am Spoeko on Monday, October 12, 2015

Diese Außenwirkung fehlt Vereinen. Vielmehr ist die Arbeit im Verein in der Bevölkerung vor allem für eins bekannt: Vereinsmeierei. Statt miteinander lieber gegeneinander. Wollen Vereine wieder Menschen für sich gewinnen, dann müssen die vorhandenen Bilder im Kopf ersetzt werden mit positiven Merkmalen. Vereinsarbeit muss wieder cool werden. Das führt mich schon zum zweiten Punkt.

Wir haben viel Druck, aber auch viel Spaß

Würdest Du lieber auf eine Abteilungssitzung gehen, wo Du Menschen triffst,  mit denen Du Spaß hast. Oder mit Kollegen, mit denen es „notwendig“ ist, bei der alle seriös und ernst bei der Sache sind. Vereinsarbeit ist wichtig und jeder hat Verpflichtungen, für die er sich einsetzt. Aber niemals darf dabei der Spaß auf der Strecke bleiben. Spaß bei der Sache haben ist das, was viele bei der Stange hält, weswegen man doch lieber noch ne Stunde länger an etwas sitzt.

Ein sehr gutes Zitat habe ich hier gefunden:

 “ Jedes Mal, wenn Du Dich über jemanden aufregst, frage Dich selbst: Wenn Du morgen sterben würdest, war es Deine Zeit wert, Dich zu ärgern?“
Robert Tew

Dieses Zitat sollte sich sicher der ein oder andere zu Herzen nehmen.

Bei etwas Großem von Anfang an dabei sein

Bei Startups haben viele die Vision, bei etwas von Anfang an dabei gewesen zu sein, dass später richtig groß wird. Das nächste facebook, das nächste AirBnB oder das nächste Zalando. Niemand möchte bei einer Firma oder bei einem Verein arbeiten, welches vor sich hindümpelt und nicht erfolgreich wird oder zumindest die Vision auf Erfolg hat.

Deswegen sollte jeder Verein sich Ziele setzen und diese INTERN AUCH KOMMUNIZIEREN. Sollen alle an einem Strang ziehen, müssen alle wissen, wo die Reise hingeht. „In 10 Jahren wollen wir wieder in der 2.Bundesliga spielen“, „in 5 Jahren haben wir die beste Jugendarbeit, alle wollen bei uns trainieren“. Solche Ziele sollten gesteckt werden, ansonsten lebt und arbeiten die Leute nur vor sich hin.

Nicht die kleine Schraube im Getriebe sein

Wenn ich unsere Bewerber frage: Wieso willst Du gerade hier arbeiten? kommt immer dieselbe Antwort. Ich möchte nicht nur die kleine Schraube sein, ich möchte eigene Ideen umsetzen können, eigenverantworlich arbeiten können und in kurzer Zeit so viel wie möglich lernen.

Leider handeln Vereine häufig wie Großkonzerne (siehe Punkt 1). Langsame Prozesse (das sollten wir erst bei der Abteilungsversammlung abstimmen lassen), lange Entscheidungswege über Vorstand oder Geschäftsführer und Einschränkungen, was man machen darf und was nicht, vorgefestigte Strukturen, an die man gebunden ist. Die oben versuchen die unten zu kontrollieren. Da die da unten aber kein Geld bekommen, können sie wenns ihnen zu bunt wird auch einfach sagen: So, ich habe jetzt keinen Bock mehr. Macht das doch alles einfach alleine.

Die Generation von heute aber will sich frei entfalten können. Dinge ausprobieren, experimentieren, auch mal scheitern dürfen, ohne dass gleich jeder mit dem Finger auf sie zeigt. Sie wollen Dinge umsetzen, die ihnen selbst Spaß machen, in denen sie gut sind oder werden wollen, bei denen sie Dinge lernen, die sie später im Beruf weiterbringen.

Experimentieren ist auch dringend notwendig, denn Sportvereine erhalten immer mehr Konkurrenz durch Online-Fitness-Studios oder Apps, die jeder immer und überall nutzen kann. Manchmal ist es also besser, auch mal ein Risiko einzugehen und jemanden machen zu lassen.

Kontakte sind mehr wert als Geld

Wer später hoch hinaus will, muss nicht nur gut sein, sondern eben auch die entsprechenden Menschen kennen. Wer jung ist, hat im Normalfall noch nicht das notwendige Vitamin B. Während Vereine häufig Veranstaltungen machen, bei der sich Sponsoren untereinander kennenlernen (Stichwort: Networking), vergessen viele Vereine die eigenen Mitarbeiter. Vielleicht gibt es sogar den ein oder anderen, der später in einem Verein arbeiten möchte, oder bei einem der Sponsoren? Vielleicht sucht der ein oder andere Sponsor auch Mitarbeiter? Wer es möglich machen kann, sollte deshalb aktiv Kontakte zu Sponsoren, Bundesliga-Clubs oder Mitgliedern vermitteln.

Denn dann lohnt sich die Vereinsarbeit, auch ohne Geld.

Referenzen, Referenzen, Referenzen

Komischerweise ist in Deutschland der Lebenslauf immer noch das A und O der Bewerbung. Um sich gegen andere Bewerber durchsetzen zu können, zählt bereits getätigte Erfahrung in dem Bereich, die man auch vorzeigen kann: Referenzen.

Deswegen ist es wichtig, für bestimmte Bereiche auch Menschen zu finden, die sich später dort beruflich orientieren möchten, z.B. ein Grafiker für den Außenauftritt, ein Medienstudent für das Marketing, ein facebook-Junkie für den Social Media Auftritt.

In Deutschland zählt der Schein

Eigenverantwortliches Arbeiten ist vielen deshalb so wichtig, weil sie danach sagen können: Ich habe dies ganz alleine umgesetzt, ich war dafür verantwortlich. Das später im Zeugnis stehen zu haben, ist mehr wert, als 500€ mehr im Monat.

Da sich viele junge Menschen bewerben, entweder für einen Ausbildungsplatz, für ein Studium, ein Praktikum oder auch eine richtige Stelle: Stellt euren Leuten aktiv Zertifikate und Zeugnisse aus und kommuniziert dies auch öffentlich.

„Wenn Du bei uns mitmachst, erhältst Du ein Zertifikat, dass Du für Deinen Lebenslauf nutzen kannst. Wenn möglich vermitteln wir auch Kontakte zu Unternehmen.“

Auch mal Danke sagen

Als Ehrenamtlicher bist Du bei den Spielern und Eltern meistens der Depp vom Dienst. Zumindest gefühlt. Ab und an mal ein „Danke“ zu hören, kann den Unterschied machen.

ehrenamtliche Arbeit4FAZIT: Nicht jammern, Mehrwerte bieten

Kein Mensch arbeitet für umsonst. Wer seinen Mitarbeitern kein Geld gibt, muss ihnen etwas anderes bieten, was genausoviel, wenn nicht mehr wert ist als Geld. Im Business sagt man so schön: Mehrwerte bieten.

  • eine Perspektive, dass die eigene Arbeit einen Teil zur Vision beigetragen hat
  • die Freiheit, Dinge auszuprobieren und zu lernen, die man woanders nicht hat
  • Kontakte!
  • Zertifikate und Scheine, die man danach vorweisen kann
  • Verantwortung zu haben für sein eigenes Baby
  • Wertschätzung
  • ein lachendes Gesicht, Spaß

Nur wer sich bewusst ist, dass Ehrenamtler nicht nur für kostenlose Arbeit da sind, sondern auch etwas für ihre Arbeit bekommen sollen und herausfindet, was ihnen wichtig ist, wird wieder Ehrenamtler finden. Wichtig hier: machen lassen und sich nicht einmischen. Wer nicht bezahlt, muss auch damit rechnen, dass ggf. andere Themen (z.B. Prüfungen, Probleme zu Hause) in dem Moment wichtiger sind.

Autor: Marthe-Victoria Lorenz

Marthe ist Gründerin von fairplaid.org und kämpft für mehr Förderung des Breitensports. Sie ist leidenschaftliche Basketballerin und engagiert sich ehrenamtlich in der Basketball-Abteilung von Türkiyemspor Berlin 1978 e.V. als Vorstandsmitglied sowie als Trainerin einer U12-Mädchenmannschaft.


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