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Mit viel Herz und Leidenschaft – Nürnbergs Basketballer trotzen allen Unwägbarkeiten

Martin Roth | 30. Oktober 2019

Nürnberg am Flughafen-Areal, Anfang Mai 2019. Meine Maschine nach Düsseldorf hat einmal mehr deutliche Verspätung. Mich juckt es in den Fingern. Und ehe ich mich versehe bin ich schon auf dem Weg. Rüber zum 300 m entfernten Eventpalast. Von vielen Nürnberger Basketballfans stets liebevoll „BBZelt“ genannt. Die Türe ist offen, ich husche hinein. Die Halle ist leer. Asphalt und Pflastersteine. Nichts zeugt mehr davon, dass vor wenigen Tagen hier ein Parkett, zwei Körbe und drei Stahlrohrtribünen standen. Und dass hier Basketballgeschichte geschrieben wurde. Am 29.April 2019 stiegen die Nürnberg Falcons als Überraschungsteam der Saison nach einer überragenden Rückrunde sensationell in die Bundesliga auf.

Ich stelle mich nochmals auf „meinen“ Platz während der Spieltage. Dort wo zuvor die Stahlrohrtribüne stand und wenige Treppenstufen in den Block „E“ führten. Und plötzlich sind sie wieder da. Die Bilder. Als wäre es nur wenige Sekunden her. Topscorer Jackson Kent trifft rund eine Minute vor Schluss einmal mehr einen entscheidenden „Dreier“. Ich sinke kurz vor der Seitenlinie vor Freude auf die Knie. Recke die Arme gen Himmel. Hinter mir eskaliert Alles und Jeder. Nürnberg glaubt an den Aufstieg ! Ich höre unseren Hallensprecher Dominik Mujkanovic am Mikrophon die letzten zehn Sekunden herunterzählen, sehe den anschließenden Konfettiregen fast wie in Zeitlupe. Center Robert Oehle wirft den Ball bei der Schlusssirene hoch und weit durch die Halle und dreht vollkommen außer sich seine ganz persönliche Vorab-Ehrenrunde. Meine Knie werden wackelig, ich umarme zuerst meinen Sohn, dann „Capo“ Emil Melcer und werfe mich im Anschluss wie von Sinnen in die Jubeltraube in Block „E“, dem Fanblock im Eventpalast. Die Luft brennt. Der Lärm ohrenbetäubend. Gerüchten zufolge hat man den Jubel bis weit über die Stadtgrenze gehört. Die Falcons sind sportlich aufgestiegen.

Basketballer fristen seit jeher Schattendasein in Nürnberg

Nürnberg und Basketball – eine Geschichte voller Missverständnisse und Frustration in den letzten 20 Jahren. Stets im Schatten anderer Mannschaftssportarten – deren regionale Identifikationsassoziationen zwar mit äußerst mäßigem Erfolg spielen, aber dennoch traditionell die Massen anziehen – fristete man ein Randgruppendasein. Zwei Jahre in den unteren Tabellenregionen der Belétage des Basketballs Mitte der 2000er Jahre, davon eine Saison nach dem sportlichen Abstieg mit einer Wildcard, genügten nicht um die sportbegeisterten Mittelfranken hinter das Projekt Profibasketball in Nürnberg zu bringen. Im Gegenteil. Der Hauptsponsor Sellbytel stieg aus. Man stand vor dem Nichts, wurde vom übermächtigen Basketballnachbarn jenseits von Forchheim als Farmteam nahezu missbraucht und musste mangels Alternativen seine Heimspiele in einer 60er Jahre-Schulsporthalle austragen, deren Charme nicht einmal mit der kärgsten Friedhof-Aussegnungshalle mithalten kann.

Eine weitere Wildcard ermöglichte dem NBC nach einigen Jahren der Bedeutungslosigkeit die Rückkehr in die Zweitklassigkeit. Die Bedingungen besserten sich nur marginal. Erneut machte man sich von einem Hauptsponsor abhängig, der einige Jahre später von einem Tag auf den anderen die Flinte ins Korn warf. Einem verpassten BBL-Aufstieg 2015, als man im Playoff-Halbfinale an Gießen scheiterte, folgte eine sehr durchwachsene anschließende Saison, die letztendlich zum sofortigen Ausstieg des „Investors“ führte. Von heute auf morgen. Überraschung auf der Geschäftsstelle, als plötzlich aus heiterem Himmel ein Bote in der Türe stand und sich den Erhalt der Kündigungsschreiben von jedem einzelnen Mitarbeiter quittieren ließ.

Mit einem Kraftakt und fairplaid.org zum Neuanfang

Bereits kurze Zeit stand für Trainer Ralph Junge, 2014/15 als Ehinger Erfolgstrainer und Gründer der Urspringschule-Academy, nach Nürnberg geholt, fest: Aufgeben is‘ nich‘! Mit einem ungeahnten Kraftakt des Trainers – nun auch Geschäftsführer und Sportdirektor des neu gegründeten Nürnberg Falcons BC – der Sportcrowdfunding-Aktion über fairplaid.org, vielen Gönnern und Unterstützern aus kleinen und mittelständischen regionalen Unternehmen sowie nicht zuletzt dem Einsatz der Fans war es überhaupt möglich dass in der Noris weiterhin Profibasketball gespielt wurde. Ein Kraftakt, deren erfolgreiche Realisierung viele Experten für nahezu ausgeschlossen hielten.

Es war ein Glücksfall, dass das Übergangskonstrukt „nbc2016“ seinerzeit gleich über mehrere Kanäle sowie einer Empfehlung mit fairplaid.org in Kontakt kam und das Projekt „Rettet den Profibasketball in Nürnberg“ gestartet werden konnte. Die Fans und Sympathisanten der Nürnberger Korbjäger spendeten eifrig und erhielten hierbei je nach Spendenbetrag unter anderem „Retter“-Shirts, Dauerkarten und ein Wurftraining mit „Wurfdoktor“ Junge als Dankeschön. Durch die mediale Aufmerksamkeit konnten darüber hinaus auch Unterstützer aus Fankreisen anderer ProA- und BBL-Teams gewonnen werden. So kamen letztendlich eine stattliche Summe zusammen, die zumindest einen Bruchteil des Budgets zur Fortsetzung des Spielbetriebes sichern konnte.

Mit minimalem Etat in die neue Saison gestartet gelang dem Team um die beiden verbliebenen Leistungsträger Basti Schröder und Dan Oppland bereits vorzeitig der Klassenerhalt. Die Mannschaft spielte sicherlich keinen attraktiven Basketball. Überzeugte allerdings durch Kampf, Einsatz- und Laufbereitschaft sowie nahezu unbändigender Leidenschaft. Und spielte sich mehr und mehr in die Herzen der Fans. Ein fester Platz in den Herzen der Nürnberger Basketballfreunde war jedoch angesichts all der Geschehnisse der letzten Jahre kein wirklich einfaches Unterfangen, zumal der bereits erwähnte übermächtige Basketballnachbar aus Oberfranken zunehmend seine Fühler in Richtung Fans der Metropolregion ausstreckte und gar mehrere Europapokal-Heimspiele in der Nürnberger Arena austrug. Dergestalt konnte auch in der Folgesaison der Falcons, in der es einmal mehr nur um den Erhalt der Klasse gehen konnte, kein wirklich höherer Zuschauerzuspruch oder gar ein Mehr an medialer Aufmerksamkeit generiert werden.

Gesperrte Halle als Genickbruch ? Nicht mit den Falcons !

Im dritten Falcons-Jahr drohte einmal mehr das Aus, da die extrem in die Jahre gekommene Schulsporthalle am Berliner Platz kurz vor Saisonbeginn wegen Baumängeln nicht mehr zur Verfügung stand. Ausweichmöglichkeiten, die den ProA Statuten genügen würden, waren kurz- und selbst mittelfristig nicht gegeben. Nachdem durch maximal alibimäßige Unterstützung der Stadt Nürnberg keinerlei „Land in Sicht“ schien nahmen die Falcons gemeinsam mit ihrem Kooperationspartner, der Event-Agentur werk:b ihr Glück in die eigenen Hände. Der bereits am Flughafen etablierte Eventpalast, ein bislang für Bankette, Firmenveranstaltungen und Konzerte genutztes Zelt, sollte zur Sport-Multifunktionsarena umfunktioniert werden.

Im Nachhinein entpuppte sich der Umzug in die „Notlösung“ Eventpalast als Glücksfall. Man fühlte sich schnell heimisch im neuen Zelt, konnte durch den Eventcharakter – dem der 60er-Jahre-Charme der ehemaligen Halle niemals gerecht werden konnte – schnell heimisch, neue Zuschauer gewinnen. Ein neues „Wir“-Gefühl entstand, das sicherlich neben den in der Rückrunde grandiosen Leistungen unseres Teams zur phantastischen Atmosphäre im liebevoll „BBZelt“ genannte Eventpaslast beigetragen hat. Zu den Falcons-Spielen gehen bedeutete auf einmal nicht nur ein Basketballspiel anzuschauen, sondern für sehr viel mehr Nürnberger Basketballfans als zuvor auch Freunde zu treffen. Spätestens jetzt existierte sie, die Falcons-Familie.

Aufstieg in die BBL am „grünen Tisch“ verwehrt

Nach einem Possenspiel par excellence verweigerte die easy credit BBL im vergangenen Sommer den sportlich aufgestiegenen Falcons nach zweimaligem Einspruch durch die Nürnberger Verantwortlichen endgültig die Zulassung zur Belétage des deutschen Basketballs. Durch abermals mangelnde und allenfalls alibimäßige Unterstützung der Stadt Nürnberg war es nicht möglich ein tragfähiges Hallenkonzept auf die Beine zu stellen, das den BBL-Auflagen gerecht werden würde. So tritt das Team um den vom Co-Trainer zum Cheftrainer beförderten litauischen Ex-Nationalspieler Vytautas Buzas weiterhin in der ProA an. Traurig aber wahr.

Weiterhin müssen die Nürnberger Korbjäger somit Tag für Tag um jeden einzelnen Unterstützer des Projekts „Profibasketball in Nürnberg“ kämpfen. Die Falcons werden sich – notgedrungen – wieder mit einem der kleinsten Etats der Liga mit der Konkurrenz messen müssen. Bemerkenswert wie viele potenzielle „Partner“ eines kurzzeitig designierten Bundesligisten nach der verwehrten Lizenz ihre zugesagte Unterstützung in der ProA verwehrten bzw. von einst ausgesprochenen Zusagen nichts mehr wissen wollten.

Nach dem Kater folgt erneute Aufbruchstimmung – jetzt erst recht !

Dennoch dürfen sich die Fans auf packende Duelle gegen Traditionsteams wie Tübingen, Hagen, Jena, Leverkusen und Trier freuen. Die ProA ist rein nominell alles andere als uninteressanter geworden. Die ersten Fan-Auswärtsfahrten mit dem Reisebus sind bereits gebucht. Und ich habe das Gefühl, die kurzfristige Enttäuschung über den verwehrten Aufstieg in die BBL ist bei den Nürnberger Basketballfreunden einer weiteren Aufbruchstimmung gewichen.

Letztendlich kann man sagen, dass die seinerzeitige Crowdfunding-Aktion über fairplaid.org sicherlich nicht das Fortbestehen des Nürnberger Basketballs gesichert hat. Aber einen bemerkenswerten Teil dazu beigetragen – so viel steht fest ! Und dafür bin ich dankbar.

Mittlerweile findet man auf magazin.fairplaid.org auch sehr wertvolle Tipps für Aktionen startenden Vereine um deren Anzahl der Unterstützer zu optimieren. Die Türen stehen für jede Aktion sehr weit offen. Es liegt an jedem Project Owner selbst was er aus seinem Projekt macht um erfolgreich zu sein. Allen aktuellen Projekten wünsche ich einen bestmöglichen Erfolg und möglichst viel Aufmerksamkeit für Ihre Vorhaben !

Autor: Martin Roth

Der 2. Vorsitzende des Fanclubs der Nürnberg Falcons "Noris BlockErs". Den Basketball-Sport hat er sich auf die Fahne geschrieben und kämpft für seinen Club wo er nur kann.


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