• Wie Deutschland zu einer der größten Quidditchnationen weltweit wurde

    Quidditch wirkt auf den ersten Blick einfach nur seltsam. Und, wenn wir ehrlich sind, auf den zweiten Blick auch. Der Sport hat seine Wurzeln in den Harry-Potter-Roman von J.K. Rowling, wo Hexen und Zauberer ihren Helden auf fliegenden Besen zujubeln, angepasst auf irdische Bedingungen und ohne fliegende Sportgeräte. Statt Zauberei bietet Quidditch Elemente aus Handball, Rugby und Völkerball, vereint zu einer ganz eigenen Mischung. Seit 2005 wird Quidditch nun gespielt, los ging es – wie sollte es anders sein – im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, den USA.

    In Deutschland wird Quidditch seit Ende 2012 sporadisch, seit Mitte 2014 auch organisierter gespielt. Mit über 40 Teams und einer etwa 800 Personen starken Community sowie 3.500 Fans bei Facebook gehört Deutschland inzwischen zu den größten Quidditchnationen der Welt. An unser Dasein als Nischensportart haben wir uns längst gewöhnt. Doch die letzten Jahre haben uns auch gezeigt: Die Nische muss kein Hindernis sein! Wie also arbeitet man erfolgreich aus der Nische heraus?

    Aus meiner Erfahrung im Deutschen Quidditchbund, unserem nationalen Dachverband, sind zwei Pfeiler ganz besonders wichtig für das Wachstum und die Akzeptanz einer jungen Sportart:

    • eine konsequente Öffentlichkeitsarbeit und
    • die durchgängige Mobilisierung der eigenen Community.

    Grundlagen der Nischen-PR

    Zur Rolle der Öffentlichkeitsarbeit bin ich vermutlich ein wenig vorbelastet. Seit Sommer 2014 arbeite ich im Deutschen Quidditchbund an eben diesem Thema und bilde mir gerne ein, dass wir in unserer Entwicklung offenbar so manches richtig gemacht haben müssen.

    Webseite als zentrale Anlaufstelle

    Die wichtigste Grundlage der Öffentlichkeitsarbeit war für uns von Anfang an, dass Informationen für alle Interessenten leicht erreichbar sein mussten. Die Webseite des Deutschen Quidditchbunds ist hierbei das Fundament: Infos zu Quidditch als realem Sport und zu bevorstehenden Turnieren, aber auch zu den bestehenden Teams in Deutschland sind dort zu finden. Ganz besonders aber  veröffentlichen wir dort sämtliches Wissen und Anleitungen, wie ein jeder sein eigenes Team gründen kann.

    Viel Bildmatieral, vor allem Videos unerlässlich

    Ebenfalls unerlässlich, so banal es auch klingt, ist viel Bildmaterial, am besten auch Videos. Die meisten Menschen können sich unter dem Begriff „Quidditch“ nichts vorstellen, oder denken sofort an fliegende Besen und Gryffindor gegen Slytherin. Da hilft es, von Anfang an mit guten Bildern gegenzusteuern, die den Sport von seiner besten Seite zeigen. Bei Turnieren haben wir daher immer mindestens einen eigenen Fotografen ( aus dem eigenen Netzwerk) am Start, der uns durchgehend Bilder für die Nutzung in Social Media und der Pressearbeit schießt. Videomaterial wird unser Fokus in den nächsten Jahren.

    Großevents konsequent ausnutzen

    Der große Sprung für den deutschen Quidditch lässt sich recht einfach auf ein Event zurück führen: die Weltmeisterschaft 2016 in Frankfurt am Main.

    Im November 2015 bekamen wir dafür den Zuschlag der International Quidditch Association und konnten Mitbewerber aus Argentinien und der Türkei ausstechen. Das folgende Medieninteresse und explosionsartige Wachstum der deutschen Quidditchszene überrascht uns noch heute, in den zwölf Monaten nach der ersten Ankündigung der Heim-WM schoss die Anzahl der Teams in Deutschland von 14 auf 36. Der Grund? Wir nutzten jedes bisschen Aufmerksamkeit, welche uns durch die WM zugute kam, konsequent aus.

    Jede PR-Anfrage ausführlich bearbeiten

    Ob Interviewanfrage des Fernsehens, Einladung zum Familiensportfest in Frankfurt oder Email einer Lokalzeitung – jede Anfrage (so wie auch dieser Artikel) wurde ausführlich bearbeitet. Das kostet Zeit (und ab und an Nerven), doch der Erfolg unserer Arbeit war rund um die WM nicht zu übersehen. Ausführliche Promotion in der Rhein-Main-Region in den Wochen vor dem Turnierwochenende sorgte für etwa 2000 Zuschauer vorort. Der WM-Livestream, realisiert in Zusammenarbeit mit Sportdeutschland. TV, dem WebTV des DOSB, zog weitere 20.000 vor den Bildschirmen an. Das Videomaterial der internationalen Presseagentur Reuters begegnet mir noch heute ab und zu in Social Media.

    Bei Turnieren Laufend eine verantwortliche Person für die Öffentlichkeitsarbeit vor Ort

    Rund um die WM hatte ich einen Volunteer zur Unterstützung dabei. Aber auch bei (von uns veranstalteten) Turnieren gibt es immer ein Orga-Team mit mindestens einer Person, die sich um turnierbezogene Öffentlichkeitsarbeit kümmert (in Zusammenarbeit mit mir als Vertreter des Verbandes).

     

    Wachstum als Gemeinschaftsprojekt der ganzen Community

    Der zweite Pfeiler des Erfolgs liegt in den Händen der eigenen Community. Die internationale Quidditchgemeinschaft schaut mit einigem Stolz auf einen engen Zusammenhalt über Länder- und Kontinentgrenzen hinweg. Auch innerhalb Deutschlands sind wir auf dieses Gemeinschaftsgefühl stolz, und wissen, dass wir ihm als Community und als Verband viel zu verdanken haben.

    Während Quidditch-Teams anfänglich noch oftmals von Studenten gegründet wurden, die gerade aus einem (recht Quidditch-lastigen) Auslandssemester zurück gekehrt waren, ergreifen inzwischen Teams regelmäßig die Initiative und unterstützen interessierte Gruppen aus nahegelegenen Städten selbst. Das Wachstum der deutschen Quidditchszene wurde damit Stück für Stück zu einem Gemeinschaftsprojekt, an dem die ganze Community teil hat.

    Die Community wiederum konnten wir dann für uns als Verband nutzen, als wir mit der Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im Ausland antraten. Mit der Durchführung eines Crowdfunding-Projektes  zur Teilnahme an der EM 2017, wurden aus unseren Fans dann Geldgeber.

    Passende Strukturen schaffen: Der Verband als Hilfesteller

    Aus Verbandssicht unterstützen wir eine solche Entwicklung natürlich so gut wie möglich. Immerhin sind die Teams nicht nur sehr erfolgreich in ihrem Austausch miteinander, sie nehmen uns auch ein gutes Stück der Arbeit ab.

    Spielausrüstung und Infomaterial vom Verband

    Das bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit stattdessen auf andere Arten der Hilfestellung richten können. Wir verleihen beispielsweise Spielausrüstung an neue Teams (gerade Torringe sind, trotz Marke Eigenbau, mit einer nicht unerheblichen Investition verbunden) und stellen Infomaterialen zu Themen wie Teamaufbau und Öffentlichkeitsarbeit zur Verfügung.

    Quidditch-Akademie als Fundament für persönliches Zusammenwachsen

    Gleichzeitig ist es wichtig, Strukturen zu schaffen, die Engagement und die Kooperation zwischen erfahrenen und neuen Teams fördern. Die Einführung eines Zweitspielrechts in der vergangenen Saison war für uns hierbei ganz zentral. Auch die Organisation einer jährlichen Quidditch-Akademie, bei der sich Vertreter aller Teams für ein Wochenende treffen, austauschen und voneinander lernen, spielt eine tragende Rolle für den Zusammenhalt der Community. So schaffen wir es, dass sich der deutsche Quidditch beinahe von ganz alleine immer weiter entwickelt.

    Deutscher Quidditchbund auf facebook

    Gleichberechtigte Balance in der Verbandsarbeit: Spielbetrieb, Teambetreuung, Öffentlichkeitsarbeit

    Der Deutsche Quidditchbund widmet sich dem Ausbau und der Organisation des Quidditchs in Deutschland und der Unterstützung seiner Mitgliedsteams auf nationalem und internationalem Level. So steht es auf unserer Webseite. Das langfristige Wachstum der Sportart ist damit neben dem aktiven Spielbetrieb unser Hauptaufgabenbereich. Wie wichtig wir diese Aufgabe nehmen, zeigt sich bei einem Blick in den Vorstand, wo neben dem üblichen Präsidium auch die Abteilungsleiter der Sparten Spielbetrieb, Teambetreuung und Öffentlichkeitsarbeit sitzen. Alle drei Sparten sind damit gleichberechtigt und in alle Entscheidungen einbezogen.

    Diese Struktur ist unsere Absicherung dafür, keinen der drei Bereiche aus den Augen zu verlieren, und unser Tipp an alle aufstrebenden Sportarten, die sich in den kommenden Jahren besser etablieren wollen.

    Unsere Erfahrungen der vergangenen knapp vier Jahre, von einer Hand voll deutscher Quidditchteams zu einer der führenden Nationen weltweit, haben uns gezeigt, dass es alle Sparten für den Erfolg braucht. Die Teams, die sich gemeinsam mit uns für eine starke Gemeinschaft einsetzen. Die Öffentlichkeit, die uns immer wieder neues Interesse entgegen bringt. Und den Spielbetrieb, weil Quidditch einfach Spaß macht – auch wenn es anfangs seltsam aussieht.

     

    Titelbild von Jens Gutermuth