Dschungelcamp-Diskussion: Stoppt das Bashing gegen Fußball!

Marthe-Victoria Lorenz | 14. August 2016

Vor einigen Wochen schrieben wir ein Praktikum bei fairplaid aus. Unter den Bewerbern befand sich auch ein Profisportler, der gerade seine Karriere beendet hatte. 15 Jahre war er Profisportler gewesen, Berufserfahrung: Keine. Auf die Frage, wieso er sich für ein Praktikum bewerbe, meinte er, dass er gerne Berufserfahrung sammeln möchte um den Einstieg ins Berufsleben zu finden.

Nach der Karriere befand sich der Sportler von heute auf morgen in der Realität: dem ganz normalen Arbeitsleben. Eine Situation, in der sich jeder befinden kann, der einen Job sucht. Einer, wie du und ich.

Und doch strömt diesem Mann viel Hass entgegen und zwar nur aus einem Grund. Dieser Mann ist bzw. war Fußballer. Zweit- und Drittliga-Fußballer.

Er gehört zu jener Personengruppe, gegen die gerade mal wieder ein Shitstorm wütet. Beschimpft wird er indirekt vor allem deshalb, weil er als Jugendlicher die falsche Sportart gut fand. Die eine Sportart, mit der man in Deutschland in 2-3% der Fälle zum Millionär werden kann.  Wenn man es denn schafft, ganz nach oben zu kommen und nicht wie die Mehrheit den Sprung gar nicht erst zu schaffen. Eine Sportart, die an der Spitze auch ganz gut ohne Geld von Bund und Ländern auskommt, weil sie wirtschaftlich seit Jahrzehnten gut dasteht.

„Den Drittliga-Fußballern wird derartig der Zucker in den Arsch geblasen, ohne dass sie mordsviel dafür tun müssen. Es ist schon Wahnsinn, was in den Profisportarten wie Fußball, Golf oder Tennis teilweise verdient wird.“ So wird Olympia-Siegerin Barbara Engleder direkt nach ihrem Sieg zitiert.

Es folgte Markus Deibler, der ein Zitat von Thomas Poppe übernahm.

„Ein Land, indem jemand im Dschungelcamp-Gewinner 150.000 Euro und ein Olympiasieger 20.000€ bekommt braucht sich nicht über fehlende Medaillen wundern.“

Das Zitat traf ins Herz vieler Sportler und wurde daraufhin u.a. von der Sportschau und anderen News-Seiten geteilt. Obowhl es im Zitat um das Dschungelcamp geht, bekommt in den Kommentaren vor allem eine Sportart ihr Fett weg: Fußball. Dass Fußballer vor allem im Leistungsbereich verhältnismäßig viel Geld verdienen, gefällt naturgemäß nicht jedem.

Sport soll verbinden, nicht trennen

Und wer will es ihnen verübeln, den Athleten. Olympioniken sollen ohne Lebensunterhalt eigentlich ihr ganzes Leben für den Sport opfern, um für DOSB und Innenministerium Goldmedaillen zu scheffeln und unser Land zu repräsentieren.

Eine Situation, die sicher jeder Amateur-Trainer in jedem Verein nachvollziehen kann. Dort, wo Eltern 8€ Mitgliedsbeitrag im Monat bezahlen, aber verlangen, dass die Trainer am besten die höchste Trainerlizenz haben, mit den professionellsten Methoden arbeiten, die komplette Organisation des Spielbetriebes übernehmen und die Mannschaft nebenbei noch zum Sieg führen sollen. (Lies auch: Deswegen reichen 8€ Mitgliedsbeitrag nicht, um einen Verein zu finanzieren)

Und dennoch: Obwohl beide Sportler auf ihre eigene und die Situation der Spitzensportler im Gesamten aufmerksam machen möchten, geraten Andere dabei ins Kreuzfeuer. Andere, die gar nichts dafür können, dass sie in ihrer Sportart oder in ihrer Sendung eben mehr gezahlt bekommen. Weil es der Markt mit Angebot und Nachfrage – und damit wir als Konsumenten – eben so will. Vielleicht aber auch, weil diese Sportarten sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten einfach besser vermarktet haben und jetzt einen finanziellen Vorsprung haben.

Den Diskussionen fehlt nun vor allem eins: konstruktive Lösungsvorschläge. Wichtig wäre sich anzuschauen, wieso es bei den Fußballern besser läuft, um sich danach etwas abzuschauen. Möglichkeiten zu erarbeiten, wie man selbst zur Verbesserung der eigenen finanziellen Situation beitragen kann.  Wie kann die Sportart besser vermarktet werden? Wie kann ich mich selbst – unabhängig von Staat und Verband – mit meinem Sport finanzieren? Unzählbare Beispiele von Youtubern, Instagram-Stars und Bloggern aus dem Sport- und Fitness-Bereich zeigen, dass es auch ohne staatliche Fördergelder und Plattformen wie ARD und ZDF geht. Social Media machts möglich. (Lies auch: Diese Sportlerin verdiente 70 Millionen Dollar – mit einer PDF.)

Das öffentliche Beklagen gegen Fußball, gegen Dschungelcamp-Gewinner, gegen Manager, gegen Politiker ist dagegen gefährlich – und außerdem kontraproduktiv. In keiner Situation hat das Schimpfen gegen andere ein bisher fruchtbares Ergebnis hervorgerufen. Meist ist die Folge Hass, Neid und Eifersucht. Den Beweis liefern die vielen Hass-Kommentare unter Deiblers facebook-Post. Ist es das, was von Olympia 2016  übrig bleiben soll? Hass, Neid, Eifersucht?

Olympia soll der Weltöffentlichkeit vor allem eins vermitteln: Sport verbindet. Sportarten treffen aufeinander, die sonst nie Berührungspunkte hätten, Nationen kommen an einem Ort zusammen, die sich politisch sonst spinnefeind sind. Athleten bekommen ihre Momente, die sonst eher in der nischigsten Nische anzutreffen sind. Und hierauf sollten wir uns wieder besinnen.

Zusammen statt gegeneinander.

Für den Sport, nicht gegen den Fußball.

Statt den Fußball zu beschimpfen, wäre es effektiver mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Fußballer und Fußballvereine ins Boot zu holen und die Ressourcen und vor allem die riesige Öffentlichkeit, die der Fußball mit sich bringt, für sich zu nutzen. Gemeinsam FÜR den Sport, nicht GEGEN den Fußball.

Gemeinsam mit dem Fußball könnte der Sport im Gesamten einiges mehr erreichen, als ohne ihn. Den Kuchen vergrößern, anstatt ihn neu zu verteilen. Wer sagt, dass ein Fußballfan nicht auch noch zusätzlich zum Hockey- oder Leichtathletik-Fan werden kann?

Das hat die Deutsche Sporthilfe bereits erkannt. Einer ihrer Gesellschafter ist Philipp Lahm, ehemaliger Kapitän der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er nutzt zumindest seine Öffentlichkeit, um genau den Athleten zu gratulieren, die sich jetzt so häufig über Fußballer beschweren.

„Ich finde es sehr schade, dass aussichtsreiche Athletinnen und Athleten immer wieder ihre Karriere abbrechen müssen, um Geld zu verdienen oder sich um ihre Zukunft zu kümmern“, sagte Lahm bei einer Pressekonferenz der Sportlotterie in der Allianz-Arena in München, „ich möchte mithelfen, dass sich das langfristig ändert und die Sportler ihren Kopf frei haben für die großen Anforderungen des Leistungssports, ohne sich ständig um ihre Zukunft sorgen zu müssen.“

Auch fairplaid-Projekte nutzen den Fußball für ihre Projekte. Als Fans der Hamburg Freezers auf fairplaid.org ein Projekt starteten, um den Verein vor dem Aus zu retten, riefen Thomas Müller und Christoph Metzelder über Twitter und facebook ihre Millionen Follower dazu auf, den Verein zu unterstützen. Mehr als 565.000€ kamen in 5 Tagen zusammen – auch weil so erst überhaupt viele auf das Projekt aufmerksam wurden.

Hamburg_Freezers_20.05.2016_fairplaid_FB_Thomas-Müller

Hamburg_Freezers_20.05.2016_fairplaid_FB_Christoph-Metzelder

Beim fairplaid-Projekt der Icefighters Leipzig kam der von Vielen so gehasste RB Leipzig zur Hilfe und rief auf facebook zur Unterstützung des Drittliga-Eishockeyclubs aus Taucha auf. Der Eishockey-Club nutzte die Öffentlichkeit des Fußballs als Trittbrettfahrer zu seinem eigenen Nutzen.

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Auch ist Fußball nicht gleich Fußball. Viel zu häufig wird hier von den oberen paar Prozenten gesprochen, den 16 Bundesliga-Clubs. 16 Bundesliga-Clubs, die das Bild prägen für eine ganze Sportart, die in derzeit 25.000 Vereinen angeboten wird. Viele kleinere Fußball-Vereine kämpfen wie alle anderen Sportarten um jeden Trikotsatz (siehe auf fairplaid-Projekt von Sören Kalz: Unterstützung für die F-Junioren), Ehrenamtliche stellen sich kostenfrei am Wochenende auf den Platz, um Kinder und Jugendliche zu betreuen.

Wer das nächste Mal also gegen Fußballer schimpft, sollte sich diese Beispiele vor Augen halten und überlegen, wie der Neid in Energie umgewandelt werden kann.

Vor den Augen eines Personalers hat der Fußball dem Bewerber übrigens nicht geholfen. Egal ob Bundesliga, 3.Liga oder Kreisklasse, egal ob Fußball oder Randsportart. Am Arbeitsmarkt sind wir alle gleich. Aufgrund der fehlenden Berufserfahrung konnte er sich gegen andere Bewerber nicht durchsetzen.

Autor: Marthe-Victoria Lorenz

Marthe ist Gründerin von fairplaid.org und kämpft für mehr Förderung des Breitensports. Sie ist leidenschaftliche Basketballerin und engagiert sich ehrenamtlich in ihrer Basketball-Abteilung des MTV Stuttgart 1843 e.V.

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